DER GAUKLER -

TÄUSCHUNG UND WAHRHEIT


Ein modernes Märchen

Ähnlichkeiten mit lebenden oder toten Personen, sowie sämtliche Handlungen

wären rein zufällig und sind nicht beabsichtigt !


 

KAPITEL I - DAS KENNEN LERNEN


 

In einer kleinen Provinz, am Rande des Rechtsstaatlandes, lebten eine NAIVE und ihr krankes Kind. Sie hausten seit 6 Monaten einsam und verlassen in einer 2-Zimmer Wohnung, die so klein war, dass sie sich sogar das Bettchen teilen mussten. Beide träumten von einer neuen, besseren Welt, in der sie nicht mehr jedes Talerchen umdrehen mussten und sich immer bis zum Monatsende satt essen konnten. Trotz aller Schicksalsschläge meisterte die NAIVE ihr schweres Los ohne zu wehklagen und stand mit beiden Beinen fest im Leben. Jedoch in den langen und einsamen Abendstunden, wenn das Kind im Bettchen lag, sehnte sie sich nach einem liebend Partner an ihrer Seite, welcher bereit, das schwere Los gemeinsam zu tragen.

So trug es sich zu, dass die NAIVE eines einsamen Abends in einem Chatroom einer weit über den großen Teich entfernten Provinz einem FREMDEN begegnete, der ihr weiteres Leben auf den Kopf zu stellen vermochte. Dieser stellte sich vor als ein alleine lebender Herr, der sich nichts sehnlicher wünschte, als ein treu fürsorgend, liebend Eheweib an seiner Seite. Zunächst schwindelte er ihr vor, weniger an Jahr zu haben, doch im Verlauf des Gesprächs gestand er ihr die wahre Anzahl seiner Lenze. Sie unterhielten sich angeregt und waren angetan von der gegenseitig geistigen Reife, sodass die Gesprächsthemen schier unausschöpflich zu sein erschienen. Er bat um Übersendung eines Bildnisses und ob der Lieblichkeit ihres Antlitzes umgarnte er sie in süßesten Worten. Da gestand er ihr, dass er nicht über dem großem Teich, sondern in einer Nachbarprovinz ganz in ihrer Nähe lebte, und sie gerne sehen würde. Alsbald ward ein erstes Treffen vereinbart, welchem beide mit klopfendem Herzen entgegenfieberten.

Zur ersten Begegnung traf man sich in einer Nachbarstadt, wohin beide etwa des gleichen Weges Strecke hatten. Die NAIVE erschrak zunächst bei Anblick des vermeintlich feurigen Freiers, da dieser noch weit mehr der Lenze zu zählen schien, als er ihr ohnehin bereits gebeichtet hatte. Auch ähnelte er in keiner Weise dem bereits erhaltenen Bildnis, sodass sie schon annahm, er habe aus Feigheit einen Anderen zum vereinbarten Treffen geschickt. Sie begaben sich in eine nahe Taverne, aber die heitre, ungezwungene Art der ersten Unterhaltung wollte sich diesmal nicht wieder einstellen. Nach geraumer Zeit entlohnte der FREMDE die Magd, welche den heißen Trank gebracht hatte, und begleitete dann die NAIVE vor die Tür zu seinem Gefährt. Er gedachte sie zu ihrem eigenen Gefährt zu bringen, da er sie nicht den gefährlichen Weg inmitten der Nacht zu Fuß und alleine gehen lassen wollte. Zunächst saßen sie etwas schweigend nebeneinander, bis er sein Ansinnen vorbrachte, welches die NAIVE etwas überraschte. Der FREMDE erbat einen Kuss und sie überlegte, ob sie diesem Wunsch nachkommen könne. Nach kurzer Zeit der Überlegung gewährte sie ihm die Gunst des Kusses, da sie glaubte, dass es nicht schaden könne und sich nach diesem verunglückten Treffen die Wege ohnehin auf Nimmerwiedersehen trennen würden. Er erschien ihr als greiser und langweiliger Zeitgenosse, dem sie nie irgendwelche Gefühle - ja nicht einmal das Gefühl der Freundschaft - entgegenbringen konnte.

Doch dieser Kuss, zunächst nur gehaucht, dann jedoch voller Leidenschaft, zog die NAIVE in seinen Bann, dass er ihr plötzlich weder alt noch langweilig erschien, sondern im Gegenteil leidenschaftlich und begehrenswert. Die NAIVE war gefangen in seinem Kuss und auch der FREMDE erlag ihrem Liebreiz und ihrer Sinnlichkeit. Er hielt sich an ihr fest, wie ein Ertrinkender und sie empfand in seiner Umarmung eine ungeahnte Wärme und nie gefühlte Geborgenheit. So hielten sie sich gegenseitig fest umschlungen, bis er die Umarmung löste, da er wieder zurück in seine eigene Welt musste. Er brachte sie zu ihrem Gefährt und bevor sie sich trennten, traf er eine für die NAIVE vollkommen unverständliche Entscheidung. Er erzählte ihr, dass dieses ihr erstes und einziges Treffen wäre, da er in der fernen Provinz eine Gefährtin habe. Diese sei zwar nicht sein Weib und er lebte mit ihr im dauernden Zwist, doch dürfe er diese Verbindung nicht trennen, um sich der NAIVEN zuzuwenden, da er diesem Weibe bereits sein Versprechen gegeben habe. Er bedauerte, dass sie sich nicht bereits 1 Jahr zuvor kennen lernten, doch seine Entscheidung stand bereits fest, bevor er zum heutigen Treffen aufgebrochen war.

Die NAIVE war entsetzt, hatte doch der FREMDE sich unter Angabe von falschen Tatsachen einen Kuss erschlichen und sie dadurch in seinen Bann gezogen. Nun fühlte sie sich belogen, um ihre Gefühle betrogen und für sein niederes Begehr benutzt. Nie hätte sie einem Treffen zugestimmt, sofern er ihr zuvor von seinem gegebenen Versprechen erzählt, welches er einem Weibe in der Ferne gegeben hatte. Traurig verabschiedete sie sich und begab sich zurück in ihr schützend Heim.

Sonne und Mond wechselten einige Male, bis der FREMDE erneut Kontakt zu ihr aufnahm. Er begehrte sie wieder zu sehen, konnte er doch ihr Antlitz nicht aus seinem Gedächtnis verbannen. Noch immer spüre er ihre zarten Lippen auf den seinen, auch der Duft ihres Haares liebkose noch immer seine Nase. Da schöpfte die NAIVE neue Hoffnung, da auch sie seine zärtlichen Hände noch immer auf ihrem Körper fühlen konnte und sich mit all ihren Sinnen nach diesem FREMDEN sehnte. Eilends wurde ein neues Treffen vereinbart, und jeden beschlich die Angst, der andere könne wieder entsagen. So kam es dann, dass der FREMDE nur wenige Stunden vor dem vereinbarten Wiedersehen absagte, da er plötzlich Skrupel wegen des anderen Weibes verspürte. Die NAIVE war traurig und sagte zu ihm, dass keiner zu Gefühlen zu zwingen wäre, egal ob versprochen oder nicht. Ehrlichkeit und Vertrauen seien die hohen Werte, denen man verpflichtet sei, nicht gesprochene Worte aus der Vergangenheit, welche heute keine Gültigkeit mehr hatten. Da stimmte er freudig dem erneuten Treffen zu und beide machten sich voller Erwartung auf den Weg, der neuen Liebe zu begegnen.

Diesem Treffen folgten in kurzen Abständen einige weitere und jedes war voller Leidenschaft und Magie. Er überhäufte sie mit Zärtlichkeit, umgarnte sie mit liebevollen Worten und die NAIVE war gefangen in einem ungeahnten Rausch, dass sie ihre Vorsicht vergaß und ihm vollends verfiel. Sie saugte seine liebend Worte auf, die sie nie zuvor aus dem Munde eines anderen Mannes gehört hatte. Sie sei der einzige Diamant unter all den Kieselsteinen der Weiberwelt und jedes ihrer Treffen bezeichnete er als eine Perle, welche aufgereiht an einer Kette ein wertvolles Kleinod bildete. Ob solch süßer Worte öffnete Sie ihm ihre Welt und weihte ihn in ihre geheimsten Wünsche ein, jedoch er war für sie wie ein Phantom, da er außer seinem Namen nichts weiter von sich preisgab.

Einmal fragte sie ihn, ob er denn bereits einen Termin für das Ehegelübte mit dem anderen Weibe vereinbart habe, und seine Antwort ließ sie erschrecken. Er gestand, trotz all der heißen Liebesschwüre und wunderschönen Treffen voller Zärtlichkeit, er würde bald in ein gemeinsames Heim mit dem anderen Weibe ziehen. Den gegebenen Schwur könne er nicht mehr zurücknehmen, auch wenn er nunmehr dem Zauber und Liebreiz der NAIVEN vollends erlegen sei. Sie habe immer einen besonderen Platz in seinem Herzen, den er nur für Sie bereit hielte, aber die Ehe war der Anderen versprochen. Aus diesem Grund würde er auch mit dem künftig Weib über den großen Teich reisen, weshalb man sich länger nicht sehen könne. Da ward die NAIVE traurig und sagte ihm, dass sie ihn nie wieder sehen wolle, denn er habe sie belogen und um ihre Liebe betrogen. So reiste der FREMDE über den Teich und es verging eine lange Zeit. Währenddessen war auch die NAIVE mit ihrem kranken Kind an einen entfernten Ort gereist, um für dieses Linderung seiner Leiden zu erhalten.

Eines Tages, inmitten der Nacht, nahm der FREMDE plötzlich Kontakt zu ihr auf. Er sandte ihr eine Nachricht, dass er just von der gemeinsamen Reise mit seinem Weibe über den großen Teich zurückgekehrt sei, und während all der Zeit nur voller Sehnsucht an die NAIVE und ihre anziehend Weiblichkeit denken konnte. Er bat um ein Treffen, die Sehnsucht und Leidenschaft zu stillen und die NAIVE weinte in ihre Kissen. Da war er verreist, um sein Gelübte einem anderen Weibe zu geben, und als er zurückkam, begehrte er bereits nach Ankunft sie zu sehen. Sie erbat Bedenkzeit, bis sie ihre eigene Reise beendet und wieder in ihrem schützend Heim sei, denn ob solcher Ansinnen war sie verwirrt. Welch Charakter hatte der FREMDE, sich neben sein Weib zu legen und bei dem Vollziehen der ehelichen Pflichten an ein anderes Weib zu denken? Wozu ehelichte er dieses Weib dann überhaupt? Die NAIVE war hin und her gerissen. Konnte sie erhoffen, dass er das Ehegelübte zurücknahm, um zu ihr zu kommen? Sie musste ihm eine neue Chance geben, seinen großen Fehler wieder zu korrigieren - eine neue Chance für die Liebe und Gemeinsamkeit. So gewährte sie ihm ein Vorsprechen, zum ersten Mal in ihrem eigenen, schützend Heim und voller Erwartung fieberte sie dem neuerlichen Treffen entgegen.

Als der Tag des Treffens nahte, umgab sie sich mit besonderen Düften, um ihn mit ihren Reizen derart zu umgarnen, dass er sie endlich freite. Als sie ihm die Tür öffnete, erblickte sie zuerst einen riesigen Strauß von feuerroten Rosen, hinter welchem er sie sehnsüchtig anschaute. Solch Pracht und Größe eines Blumenschmucks hatte sie nie zuvor erhalten und sie deutete auch die Wahl der Blume als Zeichen seiner Entscheidung für ein Leben mit ihr. Er nahm sie in die Arme, bedeckte sie mit leidenschaftlichen Küssen und wollte sie nie wieder loslassen. Sie begaben sich zur Feuerstelle, wo die NAIVE begann ein heißes Gebräu zuzubereiten. Der FREMDE stand hinter ihr und immer, wenn sie nach einem neuerlichen Aufguss den heißen Kessel zurückstellte, drehte er sie zu sich und überschüttete sie mit seinen leidenschaftlichen Küssen. Dabei vergrub er sein Gesicht in ihren langen Haaren und sog deren Duft so tief ein, als ob er sie vollends in sich aufnehmen wollte. Die NAIVE schwebte im Himmel der Glückseligkeit und wollte nie wieder zur Erde zurück. Die beiden Liebenden verbrachten wunderbare, gemeinsame Stunden voller Zärtlichkeit bis die Zeit des Abschieds nahte. Beim Gehen fragte er sie, ob er wiederkommen dürfe und die NAIVE stimmte freudig zu, in Erwartung, dass sich nun alles zum Guten wenden könne. Als der FREMDE gegangen war, brach die NAIVE jämmerlich heulend wie ein verletztes Tier hinter der Tür zusammen. Mit einmal fiel alle Belastung, jeder Schmerz von ihr ab und sie ließ ihren Tränen freien Lauf. Sollte tatsächlich das kleine Licht am Horizont das Vorzeichen einer besseren Zeit werden? Nach allem Erlebten des heutigen Tages wollte sie so gerne daran glauben.

Ein neuer Termin ward bereits vereinbart, zu welchem der FREMDE sie erneut in ihrem Heim aufsuchen wollte, und die NAIVE warf all ihre Vorsicht über den Haufen, voller Hoffnung und Vertrauen auf ein gemeinsames Glück. Der Anblick des Rosenstrauß' und die Gedanken an die zärtlichen Stunden, zauberten ihr täglich ein Lächeln ins Gesicht.

Wiederum stand der Freier mit einem enormen Strauß glutroter Rosen vor ihrem Tür, und die NAIVE gewährte ihm voll freudiger Erwartung Einlass. Er bedauerte sehr, dass sie bereits das heiße Gebräu ohne ihn hergestellt hatte. Dachte er doch immer an den Zauber dieses Rituals seines ersten Besuches und beim Schließen seiner Augen war sie ihm dabei so nah, dass er sie zu fühlen und riechen vermochte. Die NAIVE versprach, bei seinem nächsten Besuch dieses Ritual wieder gemeinsam zu zelebrieren, doch nun sehnte sie sich danach, ihn vollends spüren, in Leidenschaft mit seinem Körper zu verschmelzen, eins zu sein mit ihm, und dadurch das Band der Liebe zu festigen. So becircte sie ihn, bis er sich der Leidenschaft hingab und mit ihr die körperliche Vereinigung vollzog. Jedoch der erwartete Zauber stellte sich nicht ein. Weder Magie noch Leidenschaft entbrannte und die NAIVE war verwirrt ob der plötzlich aufgetretenen Kälte, als er sie der Verführung beschuldigte.

Weinend schloss die NAIVE die Tür hinter dem eilends entschwindenden FREMDEN, dem sie alles feilgeboten hatte, was ein liebend Weib zu bieten hatte und er nun dieses wertvolle Geschenk jäh in den Schmutz der Straße warf.

Am nächsten Tag sandte er die Nachricht, dass für alle Menschen die Sonne dieses Morgens aufgehen würde, nur nicht für ihn. Er würde sich schäbig und schmutzig fühlen, und nur sie alleine trüge daran die Schuld. Nie habe er mit ihr den Akt vollziehen dürfen, da er an ein anderes Weib mit Gelöbnis gebunden sei und er dieses Gelöbnis auch niemals gedachte zu lösen. Da nahm die NAIVE den riesigen Rosenstrauß, der ihr nunmehr nicht als Pfand der Liebe, sondern als Zeugnis der Lüge erschien, und warf diesen auf den großen Misthaufen, wohin er mit seiner neuerlichen Bedeutung auch gehörte.


 

UND DIE MORAL VON DER GESCHICHT'

WER DICH EINMAL BELÜGT DEM GLAUBE NICHT,

AUCH WENN ER DICH SO SEHR BETÖRT,

SEIN EHRLICH WORT HAT KEINEN WERT!


 

© Liane Porger

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